Rückspiegel Zwei loyale Wegbegleiter

Podseniček & Vonřich

Die Geschichte der Automarke ŠKODA beginnt 1895 mit ihren Gründervätern: Laurin und Klement. Nicht nur sie verkörpern jedoch die Tradition des Unternehmens. Wer die Firmenkapitel aufschlägt, findet manch andere prägende Persönlichkeit. Wir stellen sie in einer Serie vor.

Es war die Zeit der Fahrrads und dessen motorisierter Variante: des Motorrads. Als eine der ersten Firmen in Europa hatte das Unternehmen Laurin & Klement (L&K) gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Produktion von Motorrädern aufgenommen. Der Ort des Geschehens: Mladá Boleslav. Arbeiter und Techniker lernten hier ihr Handwerk von der Pike auf und gelangten auf ihrem Fachgebiet zu höchster Qualifikation. Mancher absolvierte seine Lehrjahre bei L&K, um dann zur Konkurrenz abzuwandern. Den beiden Gründervätern blieben allerdings auch bemerkenswert loyale Mitarbeiter erhalten. Einer der treuen Weggefährten hieß Narcis Podseniček. Der in Mähren geborene Junge wurde mit gerade mal vier Jahren zum Waisenkind und wuchs bei Verwandten auf. Nach dem Schulabschluss begann er eine Lehre beim Schmied und ging danach auf Wanderschaft. Seine erste Anstellung fand Narcis im Hüttenbetrieb des Barons Klein im Örtchen Štěpánov. Hier lernte Podseniček seine Frau kennen und heiratete. Das Glück hielt leider nicht lange an: Podseničeks Erstgeborener starb, und er selbst erkrankte an Tuberkulose. Das Schmiedehandwerk musste er deshalb an den Nagel hängen.


Es war die Zeit des Fahrrads!

Ein langer Weg zum Glück

Weil Radfahren damals modern war, versuchte es Narcis Podseniček im Jahr 1897 mit einem Laden, in dem er Fahrräder der Marke Slavia aus dem Hause L&K verkaufte. Das Geschäft lief gut, bis sich unweit von ihm ein Konkurrent niederließ. Podseničeks, kein gewiefter Geschäftsmann, schrieb bald nur noch rote Zahlen. Kurz entschlossen und von der Tuberkulose geheilt machte er sich mit seiner Familie auf nach Linz, wo er sich für einige Monate beim Bau einer Donaubrücke verdingte. Bald trieb es ihn jedoch wieder nach Böhmen, in den Hüttenbetrieb in Kladno. Ende Januar 1900 brach hier ein Streik aus. Podseniček brauchte jedoch dringend Arbeit, um seine Familie durchzubringen. Die Suche nach einer Stelle führte ihn bis nach Prag.


Die Suche nach einer Stelle führte ihn bis nach Prag

Schicksalhafte Begegnung

Der Zufall wollte es, dass Narcis Podseniček in seiner Notlage auf Václav Klement stieß, von dem er einst die Slavia Fahrräder zum Verkauf bezogen hatte. Klement bot ihm Arbeit in seinem Unternehmen an. Weil der Streik in Kladno andauerte und die kläglichen Ersparnisse nicht mehr lange reichen würden, zogen Narcis, seine Frau und ihre beiden Söhne erneut um: nach Mladá Boleslav. Hier erwartete den gebeutelten Familienvater eine Stellung, wie er sie sich immer erträumt hatte.

Dank seiner Erfahrung brachte es Narcis Podseniček – ein Workoholic wie sein neuer Chef – schnell zum Obermeister, der sich um die gesamte Produktion zu kümmern hatte. Bald war er aus dem Räderwerk des Unternehmens nicht mehr wegzudenken. Dennoch kam es zwischen ihm und Klement zu einem heftigen Streit, der ihn schließlich bewog, die Firma L&K zu verlassen. In seinem Zorn wollte er gar bei einem der größten Konkurrenten seines Arbeitgebers anheuern: dem Automobilwerk des Fabrikanten Johann Puch in Štýrskohradec.


Ein Workoholic wie sein neuer Chef

Vom gebeutelten Vater zum erfolgreichen Rennfahrer

Der Abwanderungsgedanke seines Lieblingsmitarbeiters erschütterte Václav Klement, wie kaum ein Ereignis zuvor. Flugs wandte er sich an Erich Prinz von Thurn und Taxis, einen Freund der Marke L&K. Dieser bot Podsedníček schnell eine Chauffeur-Stelle bei sich an. So hatte der ehemalige Werkmeister ein Auskommen, das ihn vom Wechsel zur Konkurrenz abhielt. Nach einem Versöhnungstreffen zwischen beiden Streithähnen gelang es Klement, Podsedníček wieder zurück ins Unternehmen zu holen. Dort blieb dieser bis zu seinem Ruhestand und wurde als erster siegreicher Rennfahrer der Firma auf einem Motorrad der Marke L&K berühmt.

Wenn von Personen die Rede ist, die ŠKODA Unternehmens geschichte schrieben, darf Václav Vonřich nicht fehlen. Am 17. April 1874 erblickte er das Licht der Welt und lernte als Schüler das Radfahren. Schon im Jahr 1893 nahm er erfolgreich an einem Radrennen von Prag nach Pardubice teil. Václav Vonřich hatte zwei große Vorbilder im Radfahren: Vater Josef und dessen Bruder August.


Am Ende wieder vereint

Fahrräder waren schon immer sein Steckenpferd

Die beiden besaßen eine Feilenhauerei im Prager Stadtteil Libeň. Bei Onkel August schloss Václav 1890 seine Gesellenprüfung im Feilenhauergewerbe ab und nahm gleich bei ihm eine Stelle an. Fahrräder blieben Vonřichs Steckenpferd. Von 1895 bis 1897 zog es ihn deshalb als Schlosser in die Fahrrad-Werkstatt des damals sehr bekannten Sportlers und Kaufmanns Friedrich Merfait. Der stellte ihm ein exzellentes Zeugnis aus, in dem er Václav Vonřich einem jeden als sehr erfahrenen Fachmann empfahl. Der jedoch begann nun, eigenständig Räder zu montieren. Václav Vonřich bezog dazu Bauteile von der Firma L&K. Bei einem Treffen mit Václav Klement im Jahr 1899 präsentierte dieser dem jungen umtriebigen Unternehmer ein Zweirad mit Motor. Vonřich war Feuer und Flamme. Im Jahr darauf kaufte er sich eine gebrauchte L&K-Maschine, erwarb 1902 seinen Führerschein mit der Prager Nummer 26 und verschrieb sich dem Motorrad-Rennsport. Neben seiner Tätigkeit als Leiter der Feilenwerkstatt in Prag-Libeň ging Václav Vonřich für die Firma Laurin & Klement bei Motorradrennen an den Start. Mit sehr großem Erfolg. Václav Klement setzte deshalb 1904 einen Vertrag mit Vonřich auf, womit er ihn als Werksfahrer verpflichtete.

Vonřichs Rennerfolge zahlten sich in barer Münze aus: Für den Sieg bei großen Rennen erhielt er den zweifachen Monatslohn eines normalen Arbeiters. Dafür riskierte der tollkühne Pilot aber auch Kopf und Kragen und fuhr stets ohne Versicherung auf eigenes Risiko.


1899: ein Zweirad mit Motor

Um jeden Preis

Václav Vonřichs überragende Leistungen riefen bald Konkurrenten der Marke L&K auf den Plan, die den unerschrockenen Rennfahrer abwerben wollten. Johann Puchs Firma, die es einst schon bei Narcis Podsedníček versucht hatte, bot Vonřich vor dem bedeutenden Semmering-Rennen im Jahr 1903 eine horrende Summe, falls er sich zu einem Wechsel entschließen würde. Die Antwort fiel klar aus: Er, Václav Vonřich, würde selbstverständlich auf dem Semmering antreten und selbstredend auch gewinnen, allerdings auf einer L&KMaschine! Er hielt Wort. Die Plätze zwei und drei belegten seine Kollegen, unter ihnen Narcis Podsedníček.


Alle wollten unerschrockenen Rennfahrer

Hemdkragen als Prämie

Vondřich, Podsedníček und Co. machten mit ihren siegreichen Renn-Einsätzen international Furore und sorgten damit für volle Auftragsbücher. Denn nun war man allenthalben darauf erpicht, Produkte aus dem Hause L&K zu importieren. Die wackeren Helden auf zwei Rädern verloren jedoch niemals die Bodenhaftung und blieben loyal bis ins Mark.

Eine Episode, die bis heute immer wieder gern über Václav Vondřich erzählt wird, zeugt von dieser Haltung: Nach seinem fulminanten Sieg 1905 in Dourdan fragte ihn Klement, der mitgereist und von der Leistung seines Schützlings beeindruckt war: „Václavíček, was wünschst du dir zur Erinnerung?“ Dass nicht mehr viel Geld in der Kasse war und auch die Heimfahrt noch zu bezahlen sei, ließ der Chef dabei nicht unerwähnt. Václav Vondřich bat lediglich darum, ihm ein paar jener modischen französischen Hemdkragen zu kaufen, die es ihm angetan hatten. Eine bescheidene Siegesprämie beim damals größten Motorradrennen der Welt!


Was wünschst du dir zur Erinnerung?

Kampf gegen die Krankheit

Ende 1905 warf die Tuberkulose Vondřich aufs Krankenbett. Nach einem Blutsturz befürchteten alle bereits das Schlimmste. Doch der Sieger von Dourdan kam wieder auf die Beine. Am 1. März 1906 stellte ihn das Unternehmen L&K als Mitarbeiter ein. Vondřich leitete den L&K Automobil- und Motorradverkauf im firmeneigenen Geschäft in Prag. Václav Vondřich blieb Klement und der Firma L&K verbunden. Die Geschäftsstelle in Prag leitete er bis zu seinem Ruhestand. Zuvor hatte es ihn im Jahr 1908 erneut auf die Rennpiste gezogen, dieses Mal allerdings hinter dem Steuer eines Automobils.

Artikel erstmalig erschienen im ŠKODA Kundenmagazin Extratour, Nr. 1/2013.


Die Geschäftsstelle in Prag leitete er bis zu seinem Ruhestand

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