Köpfe Wladimir Kaminer in der Schweiz

Gastautor Wladimir Kaminer: Der Leiter der Viagra-Abteilung in der Russendisko und überhaupt: Wo ist das Schweizer Gold?

Mein Kind kam mit einem Blatt Papier in der Hand ins Arbeitszimmer und erklärte mir die Lage. Im Geographie-Unterricht waren unter den Schülern Länder verteilt worden, über die sie nun referieren sollten. Viele Schüler wollten über die Länder berichten, die sie gut kennen, wo sie oder ihre Eltern auf die Welt gekommen sind oder in denen sie regelmäßig Urlaub machen. Für meinen Sohn würde sich Russland anbieten, doch Russland war schon vergeben, also beschloss er, ein neutrales Land unter die Lupe zu nehmen, zum Beispiel die Schweiz.

Er könne natürlich alle notwendigen Infos über die Schweiz im Internet finden, dieser Hauptwissensquelle der heranwachsenden Generation, bräuchte aber dazu noch einige authentische Eindrücke von jemandem, der da gewesen war. Ob ich ihm bei dieser Aufgabe helfen könne? Ich überlegte. Im letzten Jahr war ich zwei Mal in der Schweiz gewesen.

Einmal hatte mich die Schweizerische Bankiervereinigung als Redner eingeladen, ein andermal sollten mein Freund Vitali und ich als DJs mit unserer Tanzmucke "Russendisko" auf der Weihnachtsfeier eines Pharmakonzerns auflegen. „Diese Pharmaleute müssen doch unglaublich potente Tänzer sein, nicht umsonst haben sie Viagra erfunden“, freute sich mein Freund über die Einladung. Die Party war aber die ruhigste, die wir jemals erlebt hatten. Ein paar Hundert Mitarbeiter wurden in einem großen Saal versammelt, Quartalszahlen vorgelesen, russisch gegessen, wenig getrunken und noch weniger getanzt.

Am heftigsten tanzten die DJs - also wir selbst - und ein älterer Mann, der trotz seines Alters immer wieder hochsprang und immer dasselbe Lied über die Biene Maja bestellte. Mein Freund gab ihm den Spitznamen "Leiter der Viagra-Abteilung". Noch vor Mitternacht waren wir entlassen. Außer uns gab es noch ein zusätzliches Unterhaltungsprogramm, ein schwäbischer Schauspieler moderierte zwischen den Essensgängen. Er gab den russischen Zaren Nikolaus II., denn der ganze Abend war unter einem russischen Kulturstern geplant worden. Die Witze des schwäbischen Zaren Nikolaus waren nicht gut. Sie waren dermaßen unappetitlich, dass ich mir Sorgen machte, ob die Konzernmitarbeiter dabei ihr Essen problemlos runterkriegten.

Russendisko

"Wir Russen", sagte der schwäbische Nikolaus, "waschen uns nie. Denn mein Vater, der Imperator Alexander, sagte immer, ein Russ muss riechen wie ein Ross." Eisige Stille breitete sich im Raum aus, nur mein Freund Vitali hustete höflich. Nach der Veranstaltung gingen wir zum Zaren - mit einer diskreten Frage. "Sag mal Zar", fing ich freundlich an, "ich hätte da eine Frage bezüglich deines Auftritts." Der Zar guckte uns ängstlich an und streckte die Hände vor: "Sagen Sie nichts weiter, ich weiß, es waren unglaublich dämliche Witze. Aber ich habe schlicht und einfach keine besseren über Nikolaus gefunden und die Firma wollte keinen anderen Zaren, es sollte unbedingt Nikolaus II. sein." Wir ließen den Zaren natürlich laufen.

Drei Wochen später war ich wieder in der Schweiz, in einer Bank. Die Schweizerische Bankiervereinigung hatte zu ihrem kleinen Empfang einen badischen Weinhändler mit Wein, Käse und Schokolade eingeladen, sowie einen lokalen Wurstmacher und mich mit einem launigen Vortrag zum Thema Finanzen. Der Weinhändler war sehr aufgeregt: Wein, Käse und Schokolade in die Schweiz zu bringen, das ist wie Eulen nach Athen zu tragen. Doch die Bankiers waren sehr freundlich, sie nahmen alles mit Wohlwollen auf, was man ihnen anbot. Sie aßen den Käse und lobten den Wein.

Unglaublich dämliche Witze.

Einige von ihnen behaupteten, unter ihrer Bank liege das ganze Gold der Schweiz begraben. Auf meine Frage, was die Quelle des Reichtums hier eigentlich sei, antworteten sie knapp: "Vom Ausgeben kommt nix." Bereits wieder zu Hause in Berlin bekam ich zur Erinnerung an den Abend vom Weinhändler einen Karton mit seinen tollen Weinen geschickt, von der Bank einen Lebkuchen mit den Unterschriften mehrerer Bankdirektoren und die Reisekostenerstattung in bar in drei Briefumschlägen – ineinander verschachtelt, wie es sich gehört. "Ach, die Schweiz ist schon ein geheimnisvolles Land. Nichts ist dort so, wie es zunächst scheint", sagte ich zu meinem Sohn. "Alles klar" nickte er und ging ins Internet, um die Wahrheit zu suchen.

Auf der Suche nach der Wahrheit.

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