Köpfe Wladimir Kaminer auf Pilzsuche

In seiner extratouch.de Kolumne geht Kaminer dieses Mal auf Pilzsuche und erkennt einige Parallelen zu den Menschen

Die Pilzsaison in Brandenburg erreicht im Oktober ihren Höhepunkt, Sonne und Regen wechseln sich ab, in den Wäldern um unser Dorf herum sprießen die Pilze aus dem Boden. Steinpilze, Butterpilze, Birkenpilze.

Die besten Pilze wachsen hier übrigens in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone, überall dort, wo Russen stationiert waren. Anscheinend stehen die Pilze und die Russen in einer mysteriösen Verbindung. Mein Freund und Nachbar, ein ehemaliger Leutnant der sowjetischen Armee, der sich aus der Armee entlassen, Deutschland aber nicht verlassen hat und hier als Taxifahrer sein Geld verdient, kennt alle geheimen Pilzsammelplätze in Brandenburg, er fährt mit seinem alten Auto immer dorthin, wo er früher mit seinem Panzer herumgefahren ist.

Gute und böse Pilze

Dort sprießen die Steinpilze aus dem Boden. Nicht nur der Ex-Leutnant, sondern sehr viele unserer Freunde verbrachten jeden freien Tag im Wald und gingen glücklich mit vollen Körben nach Hause. Allerdings waren es nur unsere russischen Freunde. Die Deutschen haben eine Art Pilzangst, sie kennen sich mit Pilzen nicht aus und können die guten nicht von schlechten unterscheiden. Dabei ist der Unterschied zwischen Gut und Böse bei Pilzen viel klarer als bei Menschen.

Die giftigen haben einen dünnen Stiel und übertrieben große Hüte. Die guten Pilze wiederum haben dicke Stiele und sehen kernig, gesund aus. Wenn man trotzdem unsicher ist, sollte man an dem verdächtigen Pilz lecken. Das ist eine todsichere Methode. Die bösen Pilze schmecken bitter, die guten süßlich. Doch die Einheimischen denken, wenn sie einmal am falschen Pilz lecken, sind sie für immer verloren. 

Wenn man unsicher ist, sollte man an dem verdächtigen Pilz lecken.

Eigentlich sind die Russen wesentlich an der Pilzangst der Deutschen schuld. Spätestens seit Tschernobyl, als an jeder deutschen Schule gewarnt und erzählt wurde, die ganze sowjetische Armee sei mobilisiert, um die radioaktive Wolke in Richtung Deutschland zu pusten, trauen sich die Einheimischen nicht mehr, im Wald Pilze zu sammeln.

Atompilze

Im Unterbewusstsein der Bevölkerung werden die Pilze noch immer mit Atompilzen assoziiert. Die Russen dagegen waren schon immer in Pilze vernarrt, vor, während und nach Tschernobyl. Ich bin in einem Moskauer Randbezirk aufgewachsen, einen Kilometer von meinem Haus entfernt begann der Wald, in dem es ab September Pilze gab. Ich hatte es aber damals auch nicht geschafft, diese Pilze zu sammeln. Sie schienen mir zu klein, ich wollte, dass sie noch wachsen. Also tarnte ich die gefundenen Pilze mit Laub und Gras, markierte die Stellen und wartete ab.

Im Geheimen leben

Doch die einmal von mir entdeckten Pilze wuchsen nicht mehr. Sie vergammelten langsam, genau so klein, wie ich sie gefunden hatte. Mein damaliger Nachbar, ein großer Waldkenner, erzählte mir, dass Pilze nur im Geheimen leben, sie hören sofort auf zu wachsen, sobald sie von einem Menschen entdeckt bzw. gesehen werden.

Ego-Pilze

Und manchmal hören die Menschen auf zu wachsen, wenn sie zu viele Pilze gesehen haben. Ich war von dieser Magie fasziniert und ging nicht mehr in den Wald. Jetzt aber, wo ich selbst nicht mehr zu wachsen brauche, wollte ich mich erneut auf die Pilzsuche begeben. Ich musste feststellen: Nach dem Fall der Sozialismus hat sich das Verhalten der Pilze verändert.

Früher wuchsen sie immer im Kollektiv auf, wo der eine stand, waren auch die anderen in der Nähe. Heute wachsen die meisten Pilze sehr individualistisch, wie Ego-Pilze, unter dem Motto "Ein Pilz – ein Baum". Dafür werden sie aber größer. Ich weiß nicht, wozu das gut sein soll.

Ein Pilz – ein Baum

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