Rückspiegel Wie die Räder laufen lernten

Von der Fahrrad- zur Automobilproduktion

1895 und 1905: Diese beiden Jahreszahlen spannen den Bogen von der Fahrrad- zur Automobilproduktion und vereinen sich zum Doppeljubiläum der Marke ŠKODA.

Ein defektes Fahrrad, eine Reklamation und eine schnippische Antwort. Das ist der Stoff, aus dem die Gründungsgeschichte des heutigen Unternehmens ŠKODA AUTO gemacht ist. Sie begann mit einer gehörigen Portion Ärger und gipfelte im Bau eines Automobils, das der Urahn aller ŠKODA Fahrzeuge wurde. Es ist die Zeit, in der die Ära der teuren Pionier-­Hochräder zu Ende geht. Jener Stahlrösser, die den Herren von Stand zum schicken Freizeitvertreib dienten. Der kleine Mann entdeckt derweil das moderne Niederrad. Der Preisverfall als Folge eines erbarmungslosen Konkurrenzkampfes unter den Fahrradproduzenten hat das Rad zum unverzichtbaren Transportmittel der arbeitenden Massen gemacht.

Im Jahr 1894 ist so ein Fahrrad der Firma Seidel & Naumann aus Dresden aber noch eine richtige Anschaffung. Václav Klement hat sich soeben eines ihrer Gefährte geleistet. Der Buchhändler aus Jungbunzlau – auf Tschechisch: Mladá Boleslav – ist zufrieden damit. Eine kleine Reparatur wird wohl schnell zu erledigen sein. Klement hat sich deswegen in seiner Muttersprache Tschechisch an die Filiale von Seidel & Naumann in Usti nad Labem gewandt.

Aussig an der Elbe heißt die Stadt auf Deutsch, und überhaupt: Bei Seidel & Naumann wird Deutsch gesprochen. Und so offenbart die Antwort des Unternehmens auch einen Duktus, der einen tschechischen Patrioten wie Václav Klement tief in seinem Nationalstolz verletzt haben muss. Der Fahrradhersteller reagiert auf die Reklamation des Buchhändlers mit den Worten: „Wenn Sie von uns eine Antwort haben wollen, dann verlangen wir Ihre Mitteilung in einer uns verständlichen Sprache.“

Kleine Ursache, große Wirkung

Verärgert nimmt Václav Klement daraufhin mit dem Fahrradmechaniker Václav Laurin Kontakt auf. In den beiden jungen Männern reift der Gedanke, es denen in Dresden mal zu zeigen. Fahrräder wollen sie künftig selbst herstellen! Die Firma, die sie im Jahr 1895 aus der Taufe heben, heißt Laurin & Klement. Ein Name steht für technisches, der andere für kaufmännisches Know­how.

Das erste Fahrrad der Marke L&K trägt den Namen Slavia und zeugt von der Gesinnung seiner Hersteller und ihrem Ursprung. Die Angebotspalette der beiden Jungunternehmer wächst schnell. Zum klassischen Herrenrad gesellen sich Damen­ und Kinderräder, ein Tandem sowie ein Dreirad, das die Last auf der lenkbaren Vorderachse trägt und so als leichtes Nutzfahrzeug taugt. Flexibilität ist gefragt in jener Zeit des rasanten technischen Fortschritts. Seine Produktpalette muss L&K schnell erweitern und der Nachfrage anpassen.

Bei Seidel & Naumann wird Deutsch gesprochen.

Ohne Motor läuft bald nichts mehr

Ihr erstes Motorfahrzeug stellen Laurin & Klement noch kurz vor der Jahrhundertwende vor: im November 1899. Ein Motorrad! Eine der ersten praktisch einsetzbaren Maschinen überhaupt – mit einer Rahmenkonstruktion, die den Motor schützt und Steuerungselementen an der Lenkstange. Im Jahr 1905 erreicht die Motorradproduktion der Marke L&K ihren Zenit. Der Typ CCCC, ein Vierzylinder mit einem Volumen von 570 cm3 und einer Leistung von rund fünf PS, ist einer der ausgereiftesten Motoren seiner Zeit und bestätigt die europäische Führungsposition der Marke L&K.

Im Jahr 1905 erreicht die Motorradproduktion ihren Zenit.

Vier Räder statt zwei

Noch im selben Jahr wenden sich Laurin & Klement der Entwicklung vierrädriger Fahrzeuge zu. In den Werkshallen in Mladá Boleslav entsteht 1905 ihr erstes Automobil: die Voiturette A. Der kleine Ein­liter-Zweizylinder wird schon bald große automobile Brüder bekommen. Auf dem kräftig erweiterten Betriebsgelände in Mladá Boleslav versetzt das inzwischen in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Unternehmen L&K die K&K ­Monarchie mit luxuriösen und großvolumigen Limousinen in einen wahren Temporausch. Zwei Jahre nach dem Bau der Voiturette A haben sich die Autobauer in Mladá Boleslav im Kreis der führenden Automobilmarken Europas etabliert. Ihre Automobile von Format genießen einen guten Ruf in aller Welt. Eine neue Zeit ist angebrochen. Die der Automobile. Und sie steuert geradewegs auf jene Fusion mit dem ŠKODA Werk in Pilsen zu, die Václav Laurin und Václav Klement schließlich zu den Gründervätern unserer Automarke machen sollte.

Artikel erstmalig erschienen im ŠKODA Kundenmagazin Extratour, Nr. 1/2015.

In den Werkshallen in Mladá Boleslav entsteht 1905 die Voiturette A.

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