Rückspiegel Vierzig Tonnen Stahl

Wichtiger Auftrag für ŠKODA: Der Bau eines Spezialfahrzeuges für die tschechoslowakische Regierung

Februar 1948: Die Kommunistische Partei übernimmt in der Tschechoslowakei die Macht. Die damalige ČSSR sieht sich in der Pflicht, der stalinistischen Politik der UdSSR zu folgen. Konkret heißt das: Verstaatlichungen, Planwirtschaft und Produktionsgemeinschaften.

Auch bei ŠKODA machen sich diese Änderungen schnell bemerkbar. Unter Parteiaufsicht wird die Firma aus dem Unternehmen ŠKODA Pilsen ausgegliedert. Die Doktrin der Roten Armee sieht vor, dass in Mladá Boleslav fortan nur noch Pkw gebaut werden, während der tschechoslowakische Automobilhersteller Aero die Produktion von Nutzfahrzeugen übernimmt.

Ein Pkw ist für den normalen Bürger in der Nachkriegszeit jedoch praktisch unerschwinglich. Und so werden Aufträge jeglicher Art dankbar angenommen. Ein recht ungewöhnlicher stammt aus kommunistischen Reihen.

Auf Nummer sicher

Der Bau von Regierungsspezialfahrzeugen stellt seit jeher eine heikle Angelegenheit dar, schließlich dienen sie der Beförderung höchster staatlicher Repräsentanten. Auch ŠKODA steht nun vor der Herausforderung, einen ebenso funktionalen wie komfortablen und gleichzeitig imposanten Pkw zu konzipieren.

Mit der Konstruktion des sogenannten "Vládní Osobní Speciál" (deutsch: Regierungsspezialfahrzeug) wird Ingenieur Oldřich Meduna betraut. Dieser verfügt über das nötige Fachwissen beim Karosseriebau von Spezialfahrzeugen. Basis des ŠKODA VOS ist ein steifer Leiterrahmen, auf dem sich eine Zelle aus Panzerplatten befindet, welche Fahrer und Passagiere umschließt.

Um ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten, werden diese Platten nicht nur doppelt verbaut, sondern vor ihrer Montage auch außergewöhnlichen Tests auf dem Schießstand unterzogen. Anschließend entwirft das Team um Meduna eine Karosserie, welche die Verkleidung der gepanzerten Zelle bildet. Diese wird vom Omnibus-Hersteller Karosa geliefert und schließlich im Werk Mladá Boleslav montiert.

Vládní Osobní Speciál

Das gepanzerte Regierungsspezialfahrzeug soll fortan den tschechoslowakischen Präsidenten Klement Gottwald befördern und diesen bei öffentlichen Auftritten vor möglichen Anschlägen schützen. Neben der gepanzerten Zelle für Fahrer und Passagiere besitzt das Ungetüm überdies 52 Millimeter dicke Scheiben. Die Seitenfenster werden während der Fahrt stets nur einen Zentimeter weit geöffnet. Für erträgliche Tem­peraturen im Innenraum bei sommerlicher Hitze sorgt eine Klimaanlage inländischer Produktion, welche im Gepäckraum untergebracht ist – für die damalige Zeit revolutionär.

Der fertige Prototyp des VOS wird schließlich zur Probefahrt bereitgestellt, die sich im Falle der korpulenten Gattin des damaligen Präsidenten der Tschechoslowakei, Marta Gottwaldová, jedoch als nicht ganz unproblematisch herausstellen soll. Da der Fond nicht genug Platz bietet, muss der Wagen kurzerhand um zehn Zentimeter verlängert werden.

Harte Schale

Staatsfahrzeug erster Wahl

Danach überzeugt die komfortable Spezialanfertigung auf ganzer Linie, sodass der VOS auch noch nach dem Tod Gottwalds für dessen Nachfolger Antonín Zápotocký das Staatsfahrzeug erster Wahl bleibt. Auf daunengepolsterten Sitzen wird auch der zweite kommunistische Staatspräsident nebst Begleitung stilvoll chauffiert. Dieser Wagen weckt Begehrlichkeiten bei Oberhäuptern damaliger "Bruderstaaten": Exportiert wird er beispielsweise nach China, wo er dem Staatspräsidenten der Volksrepublik, Mao Tse-tung, als Fortbewegungsmittel dient.

Entsprechenden Unterlagen aus dem Firmenarchiv zufolge werden im Zeitraum von 1948 bis 1952 insgesamt 107 Wagen gebaut, von denen ungefähr die Hälfte über eine dicke Panzerung verfügt. Die leichteren, genannt VOS-L (L < tsch.: léky, deutsch: leicht), dienen als Begleitfahrzeuge.

Modell: ŠKODA VOS/VOS-L
Bauzeit: 1948–1952
Motor:  Viertakt-Benziner, OHV, 6 Zylinder
Hubraum:  5195 cm³, 88 kW (120 PS)
Gewicht:  3.780 kg (VOS), 2.700 kg (VOS-L)
Höchstgeschwindigkeit: 115 km/h (VOS), 130 km/h (VOS-L)
Abmessungen (LxBxH):  5.700 mm x 1.950 mm x 1.750 mm
Verbrauch:  30 l/100 km im Durchschnitt


Artikel erstmalig erschienen im ŠKODA Kundenmagazin extratour, Nr. 1/2016.

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