Köpfe Unterwegs im Schnitzelparadies

In seiner Kolumne erzählt extratouch Gastautor Wladimir Kaminer dieses Mal über das geheimnisvolle Brandenburg.

Meine Nachbarn in Brandenburg gehen ungern aus. Fast in jedem Dorf gibt es zwar ein Restaurant, das aussieht, als hätte es gleich nach dem Mauerfall aufgemacht und seitdem auf die ersten Besucher gewartet. Die Inhaber geben sich aber Mühe, die Kundschaft mit den verrücktesten Ideen anzulocken. Ich habe seit fünf Jahren in Brandenburg ein Ferienhaus mit Garten, zu dem ich jedes freie Wochenende fahre. Offiziell zählt unser Dorf um die 200 Einwohner, gefühlt sind es höchstens drei, man trifft sie mit Glück auf der Straße.

Um zu meinem Dorf zu gelangen, fahre ich mit meinem ŠKODA SUPERB durch drei andere Dörfer, die ebenso leer und verlassen aussehen. Meine Frau glaubt nicht, dass dort tatsächlich Menschen leben, sie hält diese Häuser für Attrappen. Nichtsdestotrotz gibt es in jedem Dorf ein Restaurant. Hinter jedem dieser Läden, so bilde ich mir ein, muss ein Geheimnis stecken. Das erste Restaurant auf unserem Weg heißt "Wilder Fisch bei Heiner" mit einem großen leeren Parkplatz. Auf dem Brett vor dem Restaurant steht in perfekter Kinderschrift mit Kreide geschrieben: "Heute wieder frisches Welsfilet". Jede Woche seit fünf Jahren fahren wir hier vorbei und jedes Mal ist frisches Welsfilet wieder da - auf der Tafel. Ich stelle mir diesen Wels als einen sehr alten Fisch vor, der in der Badewanne von Heiner schwimmt und damit rechnet, dass niemand kommt und ihn bestellt. Ich habe gelesen, Welse können hundert Jahre alt werden, also bloß nicht reingehen! Wir fahren mit dem guten Gefühl vorbei, den Wels wieder einmal gerettet zu haben.

Um zu meinem Dorf zu gelangen, fahre ich mit meinem SUPERB durch drei andere Dörfer

Im nächsten Dorf wartet das "Schnitzelparadies" auf die Letzten, die nach christlicher Lehre eigentlich die Ersten sind. Es ist ein verkommenes Paradies, davor rosten seit vorigem Jahr zwei Motorräder, die Fahrer sind rein- und dann verloren gegangen. Im letzten Dorf vor meinem heißt die Neueröffnung "Moldawische Spezialitäten". Die Wege der Brandenburger sind unergründlich, wahrscheinlich war der Chef nicht nach Griechenland oder in die Türkei, sondern nach Moldawien in den Urlaub gefahren, hat dort eine wunderschöne moldawische Frau kennengelernt und über sie die zahlreichen Spezialitäten, die es dort gibt. Das Dorf scheint aber daran keinen Gefallen zu finden, die Bude wird jedenfalls nicht von Kunden überrannt. In unserem Dorf gibt es rein gar nichts.

Die Nachbarn kommen jedoch oft einfach so einander besuchen. Bei uns wohnen viel mehr interessante Menschen: ein ehemaliger Flieger, ein Bildhauer, ein Bauer, Kaminleger, Buchschreiber, Fleischer, Koch und sogar ein Opernsänger mit ungemein tiefer Stimme. Eigentlich braucht der Mensch wenig, um freundlich und offen der Welt gegenüberzutreten, er braucht weder moldawische Spezialitäten noch irgendein Schnitzelparadies. Nur ein Bier, ein Stuhl und den Aschenbecher, mehr nicht.

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