Rückspiegel Graf Alexander Kolowrat-Krakowský

Geliebter Sascha

Die Geschichte der Automarke ŠKODA beginnt 1895 mit ihren Gründervätern: Laurin und Klement. Nicht allein sie verkörpern jedoch die Tradition des Unternehmens. Wer die Firmenkapitel aufschlägt, findet manch andere prägende Persönlichkeit. Wir stellen sie in einer Serie vor.

Im Park Klamovka in Prag trafen sich am 5. Mai 1876 zwei Herren zum Duell: Graf Leopold Filip Kolowrat-Klatowský und Prinz Wilhelm Auersperg. Die Komtesse Anna von Wallenstein stecke wohl dahinter, hieß es hinter vorgehaltener Hand. Prinz Auersperg wurde tödlich verletzt. Sein Kontrahent packte eilig die Koffer, denn in der österreichisch-ungarischen Monarchie waren Duelle verboten. Hätte es den Grafen getroffen - die folgende Geschichte um Sascha, eine der schillernden Personen der ŠKODA Historie, wäre nie passiert.

Der Duell-Sieger flüchtete in die USA auf seine Farm in Glen Ridge/New Jersey. Im März 1884 heiratete er dort Nadine von Huppmann-Valbella, die Tochter des Zigarrenkönigs. In Glen Ridge kam am 16. März 1886 auch Sohn Alexander zur Welt.

Als der österreichische Kaiser den Grafen Leopold begnadigte, kehrte die Familie im Sommer 1887 auf den heimatlichen Herrensitz in Týnec bei Klatovy in Westböhmen zurück. Dort wuchs Sascha, wie der kleine Alexander gerufen wurde, zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern und den Jungen aus dem Ort auf. Hier besuchte er auch die Grundschule.

Der junge Sascha war Sportler mit Leib und Seele, ein ausgezeichneter Radfahrer und körperlich ein recht zäher Bursche. Er besaß reichlich Ehrgeiz, blieb dabei jedoch gutherzig und aufrichtig.

Pseudonym am Start

Schon vor seinem 18. Geburtstag war Alexander „Sascha“ Kolowrat-Krakowský den motorisierten Zweirädern verfallen. Von seinem Faible zeugt ein Brief an Narcis Podsedníček, den damaligen Werkmeister der Firma Laurin & Klement, Vorläufer der Automarke ŠKODA. Seinem Faible für den Rennsport frönte er zunächst noch im Geheimen. So kam es, dass der Tschechische Motorradfahrer Club für sein am 9. Oktober 1904 ausgetragenes Rennen von Prag nach Písek einen Unbekannten auf Platz neun notierte. In Wahrheit war es Alexander Graf Kolowrat. Der Grund für sein Versteckspiel: das väterliche Verbot, an Rennen teilzunehmen. 

Die Leidenschaft für den Rennsport sollte Sascha nie wieder loslassen. Beim Semmering-Rennen am 23. September 1906 ging er dann unter seinem richtigen Namen an den Start und siegte in der Motorrad-Kategorie bis 65 kg. Das Zielband riss ihm die rote Schirmmütze vom Kopf. Fortan fuhr der abergläubische Sascha kein Rennen mehr ohne Kopfbedeckung. Beim Wettbewerb in Bosnien setzte er sogar einen Fez auf.

Die Leidenschaft für den Rennsport sollte Sascha nie wieder loslassen.

Auf vier Rädern!

Ab dem Jahr 1907 stieg Sascha auf Automobile der Marke L&K um und nahm an zahlreichen bedeutenden europäischen Rennen teil. Er avancierte zum berühmten Werbeträger der ebenso zuverlässigen wie schnellen Autos der Marke. 

Der kecke Sascha trug das Herz am rechten Fleck. Davon zeugt die beeindruckende Art und Weise, mit der er sich im Jahr 1909 beim Rennen am Gaillon in der Schweiz schlug. Mit dem schweren L&K Rennwagen FCS sollte er an den Start gehen. Das Wettbewerbsfahrzeug wurde mit der Eisenbahn verschickt. Sascha selbst fuhr im eigenen L&K Typ F zur Rennstrecke und studierte dabei die Kurven und Geraden. Am Bahnhof in der Schweiz wartete der ambitionierte Fahrer jedoch vergebens auf seinen Rennwagen. Aufgeben? Niemals! Gemeinsam mit dem mitgereisten Mechaniker Krutský entfernte Sascha über Nacht von seinem privaten Reisewagen die Karosserie und die Sitze. Auf dem so entblößten Chassis befestigten sie Gemüsekisten. So ging der findige Graf zur großen Gaudi der Zuschauer und der Konkurrenz an den Start - und fuhr die beste Zeit.

Der kecke Sascha trug das Herz am rechten Fleck.

Alibi auf Ansichtskarten

Der ruhmreiche Sieg sollte jedoch ein Nachspiel haben. Vater Leopold Kolowrat hatte seinen Sohn Alexander schließlich mit dem Hauptwirtschaftsverwalter in die Schweiz geschickt, um dort Viehzucht zu studieren. Die Familie besaß weitläufige, modern geführte Höfe in West- und Mittelböhmen. 

Der pfiffige Sohn beließ den Herrn Verwalter in der Schweiz und stattete ihn mit einer Anzahl eigenhändig verfasster Grüße auf Ansichtskarten aus. Während der Verwalter nun Tag für Tag Ansichtskarten in die Schweizer Briefkästen einwarf, trainierte der Kartenschreiber fleißig in Frankreich für das Rennen. Der Heißsporn hatte jedoch nicht berücksichtigt, dass sein fulminanter Sieg am Gaillon in der Allgemeinen Autozeitung gewürdigt wurde. Und die hatte Kolowrat Senior, Mitbegründer und Vizepräsident des Österreichischen Automobilclubs, abonniert. 

Im Jahr 1910 nahmen die drei Fahrer Kolowrat, Hieronimus und Draskovich bei der Alpenfahrt die Goldmedaille für das L&K Werksteam entgegen, das ohne Strafpunkte ins Ziel kam. Von 1910 bis 1914 wurden Fahrzeuge der Marke Laurin & Klement zur berühmten Alpenfahrt angemeldet. Jedes Mal fuhren sie Gold ein. Als einer von fünf L&K Fahrern machte sich Kolowrat im Jahr 1911 auf den Weg nach Russland, um dort am Langstrecken-Wettbewerb über 2.400 Kilometer teilzunehmen. Auch dort gab es für ihn am Ziel eine Goldmedaille. Hoch motiviert startete er gleich im Anschluss beim zweitägigen Rennen um den Kaukasischen Pokal, den er – natürlich – ebenfalls gewann.

Jedes Mal fuhren sie Gold ein.

Das getürkte Fließband

Kolowrat besaß an seinem offiziellen Wohnsitz Wien das Atelier „SaschaFilm“, denn dieses Metier reizte ihn beinahe so sehr wie der Motorsport. Im Jahr 1913 beschloss er, längst ein enger Freund des Hauses L&K, eine Dokumentation über die Fertigung in Mladá Boleslav zu drehen. Weil es dort noch keine Fließbandproduktion gab, ließ er flink ein rund 20 Meter langes fingiertes Band einrichten, auf dem die Autos an einer – für den Zuschauer unsichtbaren – dünnen Leine gezogen wurden. Vier Mechaniker montierten auf diese Weise für die Kamera einen Wagen. Am Ende des getürkten Fließbandes setzte sich der Graf ins Auto und fuhr unter dem Beifall der Arbeiter aus der Halle.

Alexander Kolowrat blieb dem Rennsport auch nach dem Ersten Weltkrieg treu. Auf seine Initiative hin entstanden die erfolgreichen leichten Rennwagen „Sascha“, die Ferdinand Porsche für Austro-Daimler konstruierte. Nach seiner Rennkarriere widmete sich Sascha Kolowrat ganz der Filmindustrie. Unter anderem war er es, der mit dem Film „Café Elektric“, einer bis dahin wenig bekannten Schauspielerin zu Ruhm verhalf: Marlene Dietrich.

Zeit Lebens wurde Sascha Kolowrat geliebt und verehrt. Er starb am 4. Dezember 1927 an Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Die Trauergemeinde nahm Abschied von einem aufrechten Menschen und wahren Aristokraten – nicht nur der Herkunft nach, sondern vor allem im Geiste.

Artikel erstmalig erschienen im ŠKODA Kundenmagazin Extratour, Nr. 2/2013.

Zeit Lebens wurde Sascha Kolowrat geliebt und verehrt.

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