Köpfe Deutschland im Rückspiegel

Wladimir Kaminer im Museum: Unser Gastautor blickt zurück

Auf meinen Abenteuerreisen durch Deutschland kreiste ich um Nürnberg herum. Noch nie war die Schere zwischen der Medienwelt und der realen Welt hinter dem Fenster so weit auseinander gegangen.

Im Fernsehen, im Internet, in den Zeitungen ging es dramatisch zu. Männer und Frauen mit besorgten Gesichtern sprachen von der Flüchtlingswelle, einem Tsunami, der ganz Deutschland zu verschlingen drohte. Jeden Tag sprengten sich Menschen in die Luft, die Türken schossen ein russisches Flugzeug vom syrischen Himmel ab und der Papst sprach vom dritten Weltkrieg.

Draußen auf den Nürnberger Straßen eröffnete gerade das blonde Christkind Barbara den Weihnachtsmarkt. Fröhliche Menschen tranken Glühwein und aßen Würste. Überall spielte Musik und glückliche Kinder kreischten auf der Riesenschaukel. Als wären die Menschen in der Glotze und die auf der Straße von verschiedenen Planeten.

Ich kam nach Nürnberg nicht einfach so, sondern in wichtigem Auftrag. Ich sollte für die 3sat-Sendung "Museums-Check" für einen plötzlich erkrankten Gast einspringen. "Museums-Check" ist eine alte Sendung, seit vielen Jahren unterwegs. Sie wollten mich eher später einladen, die Gelegenheit ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Ich hatte eine Lesung in Erlangen, gleich um die Ecke quasi. Ob ich nicht ins Museum kommen könnte? Ich sagte sofort zu, ohne zu fragen, um welches Museum es sich eigentlich handelt. Was kann das schon sein, dachte ich.

In der Sendung ging es um das größte Museum Deutschlands: das Germanische Nationalmuseum. Dieses Gelände ein Museum zu nennen wäre eine Untertreibung. Es ist ein sehr großes Dorf, in dem so ziemlich alles gesammelt wurde, was die Deutschen seit mehreren hundert Jahren produziert haben. Und weil die Deutschen unglaublich gerne handwerken, ist die Ausstellung schier endlos. Viel Papier, viel Holz, sehr viel Porzellan, viel Ritterausrüstung. Einen Ritter hat der Führer persönlich dem Museum geschenkt. Abertausend Dinge schauten mir aus den Vitrinen entgegen: herrenlos, traurig, verloren. Aschenbecher, die ihre Raucher überlebt haben, Tassen, aus denen nichts mehr getrunken wird. Nicht auszudenken, wie viele Geschichten hier verborgen sind.

Modernes Kunstmuseum? Erotikmuseum? Volkskundemuseum?

Die Sendung "Museums-Check" ging bloß dreißig Minuten, also konzentrierten wir uns bei unserem Rundgang auf das Wesentliche: auf nackte Frauen von Cranach, auf die nationalsozialistische Malerei und die erste Einbauküche der Welt, 1926 in Frankfurt erfunden und gebaut. 1926. EINBAUKÜCHE!

Ausgerechnet zwischen zwei Weltkriegen, wo man zwischen Blut und Boden kaum unterscheiden konnte, hatten sie Lust und Zeit für eine Mittagspause gehabt, sie haben diese wunderbare Küche mit Schränken, Türchen und einem Waschbecken zusammengebaut und bestimmt was Tolles gekocht. Königsberger Klopse vielleicht, um sich kurz danach schon wieder mit Kopf und Kragen in das Verderbnis des Krieges zu stürzen. Menschliches und Unmenschliches liegt hier unheimlich nahe.

Der Cranach war ein Gott, er hat seine Freundinnen durch das Malen unglaublich aufgewertet. Er malte ihnen, glaube ich, alles wovon sie träumten: lange Beine, hübsche Kinder, anständige Männer. Sie müssen Schlange gestanden haben, um sich vor dem Künstler zu entblößen. Damals war Frauen nackt zu malen keine Selbstverständlichkeit, also musste Cranach seine Frauen auf den Bildern umbenennen, er nannte sie Venus, dann ging es.

Die nationalsozialistische Malerei war ihrer Zwillingsschwester, der sozialistischen Malerei, zum Weinen ähnlich. Die gleiche liebliche Landschaft mit Weizenfeldern bis an den Horizont, die gleiche Familie im Vordergrund: der Opa mit der Pfeife, die Frau mit dem Säugling an der Brust, der junge Vater mit der Sense. Doch anders als auf sowjetischen Bildern, auf denen die Figuren  strahlend der Zukunft entgegen lächelten, schaute die nationalsozialistische Familie traurig und verbissen von der Leinwand, als wäre der Führer gerade gestorben, als hätten sie schon damals gewusst, dass ihr NS auf Dauer nicht funktioniert.

Jeder Figur war Ekel ins Gesicht geschrieben. Der Opa hielt seine Pfeife nur widerwillig mit zwei Fingern fest, die junge Mutter hielt das Kind, als hätte es ihr gerade auf den Schoss gepinkelt und sogar der Säugling selbst ekelte sich gut sichtbar vor der Brust. Manchmal wissen die gemalten Menschen besser Bescheid als die lebenden.

Manchmal wissen die gemalten Menschen besser Bescheid als die lebenden.

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