Rückspiegel Břetislav Jan Procházka

Im Rapid um die Welt

Die Geschichte der Automarke ŠKODA beginnt 1895 mit ihren Gründervätern: Laurin und Klement. Nicht allein sie verkörpern jedoch die Tradition des Unternehmens. Wer die Firmenkapitel aufschlägt, findet manch andere prägende Persönlichkeit.

In 100 Tagen um die Welt! Die Öffentlichkeit in der Tschechoslowakei der 1930er Jahre horchte auf. Fernreisen mit dem Automobil waren seinerzeit zwar durchaus beliebt. Die pure Entdeckerfreude hatte bekannte Sportler, Techniker und Journalisten schon in die Sowjetunion, nach Afrika und bis nach Australien gebracht. Eine automobile Weltumrundung aber, das war ein Novum. Im Herbst 1935 war durchgesickert, dass ein gewisser Břetislav Jan Procházka genau dies mit einem ŠKODA Rapid plante. In wenigen Wochen sollte es losgehen.

Břetislav Procházka war ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann und ein gesellschaftlich aktiver Gentleman. Als umtriebiger Korrespondent arbeitete er zudem für einige Zeitschriften. In seinen Artikeln berichtete er über technische Neuerungen, vor allem über solche, die er auf seinen Reisen in die USA kennengelernt hatte.

Das Schicksal hatte es gut gemeint mit dem am 22. Oktober 1897 geborenen „Břetá“, wie ihn seine vier älteren Geschwister riefen. Als er im Jahr 1917 das Abitur ablegte, musste er nicht mehr als Soldat in den Ersten Weltkrieg ziehen. Stattdessen begann Procházka ein Studium an der technischen Hochschule in Prag. Im Vorlesungssaal hielt es der vor Energie und Ideenreichtum strotzende junge Mann nicht lange aus. Viel lieber wollte er die technischen Errungenschaften seiner Zeit in die Praxis umgesetzt wissen. So zog es ihn in die Automobilbranche. Bereits im Jahr 1919 besuchte er die USA, wohin er noch sehr oft reiste.

Der Luxus-Arbeitsplatz in Prag

Procházkas Heimat war jedoch Prag. Hier lebte er mit Helena Brodsky, die er im Jahr 1922 heiratete, und hier arbeitete er. Procházka vertrat die amerikanische Ölgesellschaft Penn. Im Jahr 1930 gründete er mit seinem ältesten Bruder Josef das Unternehmen Garage Autoclub. Die Firma in der Drtinova-Straße im Prager Stadtteil Smíchov besteht bis heute und wird von einem Ur-Neffen betrieben. Procházkas Garage Autoclub war bekannt für seine für damals hochmoderne Ausstattung: Stellplätze für Hunderte Fahrzeuge, eine Tankstelle, eine Werkstatt, eine Wagenwäsche, Duschen fürs Personal, ja sogar ein Lesesaal und ein Verkaufsstand für Zubehör gehörten zur Firma.

Procházkas Heimat war jedoch Prag

Ein Gedanke reift

Von allen tschechoslowakischen Automobilherstellern nutzte ŠKODA am intensivsten die soeben aufkommende Lust zu Fernreisen mit dem Auto für die eigene Werbung. Gab es eine bessere Möglichkeit, Produktqualität und Zuverlässigkeit der Fahrzeuge "made in Mladá Boleslav" unter Beweis zu stellen? Im Kopf des ehrgeizigen Zeitgenossen Procházka reifte der Gedanke, die modischen Expeditionen seiner Landsleute in einem Fahrzeug eben dieser Automarke zu toppen.

Břetislav Jan Procházka organisierte seine „Reise um die Welt in 100 Tagen“ enorm schnell. Am 11. November 1935 beantragte er Unterstützung beim Außenministerium in Prag. In der Neujahrswoche des Jahres 1936 verhandelte er mit dem Automobilhersteller ŠKODA.

Reise um die Welt in 100 Tagen

Die Reise beginnt

Der ŠKODA Rapid war ein Serienfahrzeug ohne Sonderausstattung. Karel Hrdlička, der damalige Direktor des Automobilherstellers ŠKODA, war von den Produkten seiner Firma überzeugt: Procházka könne sich auf die positiven Erfahrungen hunderter Fahrzeugnutzer verlassen, meinte er bei der Fahrzeugübergabe. So startete er mit seinem Beifahrer Jindřich Kubias am 25. April 1936 um 16:30 Uhr am Gebäude des Tschechischen Automobilclubs in der Prager Lützowova Straße.

25. April 1936 um 16:30 Uhr

Von West nach Ost

Der erste Teil der Reise war unerwartet der schwierigste. Durch Deutschland, Polen und das Baltikum ging es noch relativ problemlos. Hinter der Grenze zur Sowjetunion zwängte sich jedoch unerwartet ein Begleiter in das ohnehin überlastete Fahrzeug: ein Abgesandter der Geheimpolizei. Dessen Sympathien erkauften sich die pfiffigen Tschechen mit Zigaretten, Whisky und Schokolade. Das größte Problem waren jedoch die desolaten Straßen, die ihren Namen nicht verdienten. Für die ursprünglich durch Sibirien geplante Fahrt hatte Břetislav Jan Procházka keine Genehmigung erhalten. Erleichtert war das Duo, als es seine Reise in Richtung Iran fortsetzen durfte. Die Wegbeschilderung war dürftig. In einem Dorf unterhalb Rostows gestartet, kamen Procházka und Kubias nach zwei Stunden Fahrt aus anderer Richtung wieder an derselben Stelle an. Sie waren im Kreis gefahren.

Hinter der Sowjetunion wurde es schwierig

Halbzeit für den Weltenbummler

Im Iran hatte ŠKODA damals eine große Niederlassung. In Teheran angelangt, gönnten sich unsere motorisierten Weltenbummler eine Pause und ließen den arg in Mitleidenschaft gezogenen Rapid wieder auf Vordermann bringen. In Belutschistan, dem heutigen Afghanistan, gerieten sie in einen heftigen Sandsturm. Weil es sich um eine sportliche Reise und keinen Ausflug handelte, mussten sie sich jetzt sputen und einige Tage nahezu nonstop fahren. Auf keinen Fall das Schiff verpassen! Das nächste würde erst wieder einen Monat später ablegen.

Tagelang nonstop fahren

Von Küste zu Küste

Indien, Malaysia, Singapur, Hongkong, Schanghai, Japan und weiter über Hawaii nach San Francisco: So lautete der Routenplan. An der amerikanischen Westküste angekommen, entschied sich das Team spontan für eine Rekordfahrt zur Ostküste. Unter der Aufsicht des amerikanischen Automobilclubs AAA startete der dunkelblaue ŠKODA Rapid mit Procházka und Kubias nach New York. Die 5.300 Kilometer lange Strecke schafften sie in amtlich bestätigten 100 Stunden und 55 Minuten. Der bis dato gültige Rekord von 110 Stunden war gebrochen. Beim feierlichen Empfang im Hotel Lexington brachte der von Journalisten umringte Břetislav Jan Procházka die Erfolgsstory geschickt an den Mann. Das Schiff Berengaria transportierte das Team und dessen verlässlichen Rapid zurück nach Europa.

Vom Hafen im nordfranzösischen Cherbourg war es jetzt ja nur noch ein Steinwurf bis Prag. Auch eine gerissene Feder der Hinterachse und ein platter Reifen konnten die beiden nun nicht mehr aufhalten.  In Prag trafen Břetislav Jan Procházka und Jindřich Kubias am 1. August um fünf vor zwölf Uhr ein. Sie hatten 27.000 Kilometer in 98 Tagen absolviert. Und ihr ŠKODA Rapid? Der Automobilhersteller stellte einen maximalen Verschleiß an den Motorzylinderbuchsen von 0,01 mm fest. „Die Klimawechsel vertrug der Rapid in jedem Fall besser als wir“, schrieb Procházka später in einem Buch, das seinem Fahrzeug alle Ehre erwies. Gleiche Nehmerqualitäten galten bei der Verpflegung. Procházka: „Ohne jeglichen Protest konsumierte unser Rapid alle Arten von Benzin, die wir an ihn auf der gesamten Reise verfüttert haben."

Artikel erstmalig erschienen im ŠKODA Kundenmagazin Extratour, Nr. 3/2013.

Ohne Protest konsumierte unser Rapid alle Arten von Benzin

In Touch with ŠKODA.

Das neue Online-Magazin extratouch von ŠKODA AUTO Deutschland ist Ihre neue Web-Adresse für spannende Interviews, aktuelle Hintergrundinformationen, vielseitige Einblicke in die Welt der tschechischen Traditionsmarke und interessante Geschichten über Menschen und aus dem Leben. Willkommen!
Impressum | Datenschutz

Nach oben