Rückspiegel Aus dem Leben eines Oldtimers

Lizenz zum Aufpäppeln

Anja Hoffmann hat ein inniges Verhältnis zum Schrauben und Improvisieren. Anders wäre ihr Oldtimer ŠKODA 120 LS kaum mehr in die Spur gekommen.

Am Steuer ihres Mainzer Linienbusses sitzt Busfahrerin Anja Hoffmann ein wenig über dem Geschehen. Und so ein Bus, das ist schon eine Autorität auf der Straße. Ganz anders als ihr ŠKODA 120 LS. In ihrem geliebten hellblauen ŠKODA Oldtimer fühlt sich Anja Hoffmann wie ein Exot.

„Leute, die sich verwundert umdrehen und fragen: ‚Was ist denn das?’, die treffe ich oft“, sagt die Wahl-Mainzerin. Ebenso: „Autofahrer, die beim Überholen eine ganze Weile auf gleicher Höhe bleiben, zu mir rüber schauen und den Daumen in die Höhe halten.“ Der ŠKODA 120 LS ist aber kein Schönwetter-Oldtimer. „Das Auto ist mein Alltagswagen“, sagt Anja Hoffmann und fügt hinzu: „Mein 2005 geborener Sohn ist darin groß geworden.“

An den Kauf des ŠKODA 120 LS aus dem Baujahr 1982, erinnert sich Anja Hoffmann noch genau: „Ich bekam ihn für 450 Euro, mitsamt einem Haufen Teile. Allerdings auch mit großem Reparaturstau.“ Zulassen und losfahren? Kein Gedanke. Im Klartext hieß dies für Anja und den blassblauen Heck-Antriebler: Ein Mal voll aufpäppeln, bitte. Das konnte die 39-jährige Kraftfahrerin aber nicht schocken, schließlich war sie Schrauben und Improvisieren von Jugend an gewohnt.

Handbuch vom Trödel

Das Glück half bei den anstehenden Sanierungsarbeiten etwas mit. An jenem eisigen Wochenende zum Beispiel. Anja Hoffmann erinnert sich noch daran, wie sie da nach Schloss Augustusburg bei Chemnitz zum ostdeutschen Elefanten- und Wintermotorrad-Treffen fuhr: „In dem Steinbruch unterhalb der Schlossanlage findet Mitte Januar ein toller Teilemarkt statt. Dort erstand ich unter anderem meine ersten ŠKODA Reparaturhandbücher. Unersetzliche Helfer, die ich fortan immer mitführte und die mir unschätzbare Dienste erwiesen.“

Und dann war da noch etwas ganz Wertvolles: „Ich bekam zum Auto noch ein Netzwerk von Sympathisanten dazu – und vor allem Kontakt zum ŠKODA Rallye-Team Eisenach.“ Die Jungs um Joachim Salzmann und Ingo Dittmann heizen einem S 120 im historischen Motorsport ein, wissen einfach alles über den Oldtimer und freuen sich über jeden, der den ŠKODA Heck-Antrieblern die Treue hält. Die beiden und ganz besonders Motorenbauer René Groß aus Schmalkalden halfen Anja, den kranken Tschechen wieder auf die Straße zu bringen.

Ich bekam ihn für 450 Euro.

Die To-do-Liste war umfangreich. Neben den üblichen Verschleißteilen wurden ersetzt: Kopfdichtung, Vergaser, Thermostat, Temperaturfühler, die komplette Bremsanlage, die Verbindungsschläuche der Kühlwasserrohre, die durchs ganze Auto führen, die Kupplung, der Tacho und später auch die Kotflügel, hinter denen sich erster Rost gebildet hatte. Die Beschaffung der Teile wäre ohne den ŠKODA Kenner Günter Jähnel aus Stadtlengsfeld/Rhön undenkbar gewesen. Die neuen Zylinder erhielt Anja „von einem wildfremden Autoliebhaber geschenkt“. Andere Teile gab es zum Sozialtarif: einen Sportauspuff für zehn, ein original Sportlenkrad für 20 und einen neuen Kühler für 40 Euro. Der Vorbesitzer brachte Stoßstangen und Zusatzscheinwerfer vorbei – als Geschenk.

Die To-do-Liste war umfangreich.

Ein launischer Typ

„Er blieb so oft liegen – eine normale Autofahrerin hätte ihn weggeworfen oder angezündet“, lacht Anja Hoffmann. Man brauche halt Fingerspitzengefühl, speziell bei Nässe, Schnee und Eis. Trotz aller Eigenheiten ist Anja Hoffmann ihrem ŠKODA 120 LS weiterhin gut Freund. „Es mag zwar für manchen befremdlich klingen, aber der Kerl ist uns so ans Herz gewachsen, dass wir von ihm wie von einem Familienmitglied sprechen. Er ist ja auch eines“, sagt sie und möchte ihm noch einmal so richtig etwas Gutes tun. Seit geraumer Zeit ist sie auf der Suche nach einem anderen Motor für das Auto. „Es soll auch wieder ein baugleicher Motor sein. Aber meine Suche war bisher erfolglos“, bedauert sie. Ein Fall für Jens Herkommer alias „Dr. ŠKODA“, wie sie ihn in der Oldtimer-Szene nennen. Der Kfz-Meister aus dem Erzgebirge findet für jedes Problem rund um seine Oldtimer eine Lösung. Extratour fragte deshalb mal für Anja Hoffmann an. Die Antwort kam prompt: „Klar habe ich einen gebrauchten Motor für den 120 LS da. Und außerdem jede Menge Teile für die Motorreparatur.“

Er blieb so oft liegen.

Jüngster Kfz-Meister Sachsens

Der Motorsport spendete zwar den Zündfunken für Jens Herkommer, doch der gesamte Antrieb des Erzgebirglers funktionierte schon immer anders als bei den meisten Altersgenossen. Erst tüftelte er den Einzylinder seiner 50er Simson bis zur letzten Schraube aus, bevor er bei ADMV Bergsprints startete. Drei Mal gewann er den gedrechselten Wanderpokal aus Holz, erst dann durfte er ihn behalten. Bis heute hat die Trophäe von 1987 einen Stammplatz in seinem Büro.

Einer, der sich mit bestehenden Verhältnissen nicht zufrieden gibt, passte allerdings nicht ins politische System der DDR. Trotz bester Noten in der Berufsschule durfte Jens Herkommer die Lehre zum Automechaniker nicht vorzeitig beenden. Neben seiner eigentlichen Ausbildungsstelle in der örtlichen ŠKODA Werkstatt zog es ihn immer wieder zu einem zweiten Lehrherren: einem mit alten Octavia und Felicia Modellen erfahrenen Meister. „Zum Glück kam die Wende“, sagt Herkommer, der bald der jüngste Kfz-Meister Sachsens wurde.

Anja Hoffmann will ihren 120 LS, der in der DDR schon wegen seiner westlich anmutenden Silhouette etwas Besonders war, jetzt schonen. „Weil er recht selten geworden ist“, sagt sie. Der 120 LS steht jetzt wieder in Thüringen und wartet darauf, dass Anja Hoffmann zu Besuch kommt. Immer wenn sie sich in Mainz hinters Steuer ihres 18-Meter-Busses setzt, denkt sie, dass ihr Arbeitsplatz ja mit dem geliebten alten ŠKODA etwas gemeinsam hat: Heckmotor und Heckantrieb.

Artikel erstmalig erschienen im ŠKODA Kundenmagazin Extratour, Nr. 1/2013.

Zum Glück kam die Wende.

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