Top Story Wladimir Kaminer: Über Martin Luther, Touristen und Flüchtlinge

Unser Gastautor Wladimir Kaminer ist mit seinem ŠKODA SUPERB auf den Spuren von Martin Luther gewesen.

Laut Berechnungen der Wissenschaftler dreht sich die Erde mit einer hohen Geschwindigkeit um ihre eigene Achse und um die Sonne herum. Warum uns dabei nicht schwindlig wird – diese Frage beschäftigte mich in der Kindheit sehr. Wahrscheinlich, weil die eine Bewegung die andere ausgleicht, dachte ich. Wir Menschen bewegen uns auch ständig um unsere eigene Achse oder um die Erde herum. Wenn wir länger sitzen bleiben, fallen wir vom Stuhl. Die meisten von uns bewegen sich in Gruppen. Zurzeit sind zwei große Gruppen besonders heftig unterwegs: die Flüchtlinge und die Touristen, freiwillig und unfreiwillig Reisende.

Wobei diese sozialen Rollen austauschbar sind, die Flüchtlinge von heute können schon morgen zu Touristen werden und umgekehrt. Die Grenzen zwischen ihnen sind nicht eindeutig markiert: Die Flüchtlinge aus zerbombten Städten bevölkerten noch vor kurzem deutsche Sporthallen und Heime, meine amerikanischen Bekannten, die von ihrer Präsidentenwahl verstimmt sind, wollen nach Europa auswandern, die Russen haben letztes Jahr eine Rekordzahl an Asylanträgen in Amerika gestellt, bei den Deutschen sind alle Kreuzfahrten ausgebucht.

Überall ist Martin Luther

Dabei wird Deutschland um diese Jahreszeit gemütlich. Kein anderes Volk kann dermaßen einheitlich und aufrichtig die Gemütlichkeit produzieren wie die Deutschen. Diese Gemütlichkeit ist für mich, neben den Autos und dem Sauerkraut, eine deutsche Qualitätsware. Überall Lichterketten, süße Dämpfe, grüne Tannen, rote Zipfelmützen – und überall Luther. Dieser Geistliche war ein sehr umtriebiger Mann, ob als Tourist oder als Flüchtling, hat er wahrscheinlich wie ich das Land unermüdlich bereist.

In jeder Stadt, die ich mit meinem ŠKODA SUPERB befuhr, trat ich in seine Spuren, entweder wohnte Luther dort oder schickte einen Gruß aus der Ferne – oder hinterließ Nachkommen. Sogar in Zeitz, einer Stadt, in der einst mein Kinderwagen produziert wurde, befand sich eine Luther-Bibliothek, sein Enkel hatte in der hiesigen Kirche vor vielen Jahrhunderten die Bürgermeistertochter geheiratet. Die beste Freundin meiner Mutter hatte vor einem halben Jahrhundert einen Ostdeutschen aus Karl-Marx-Stadt geheiratet und meiner Mutter zu meiner Geburt einen deutschen Kinderwagen geschenkt, den besten im ganzem Bezirk, er konnte ganz weich über Steine und Bordsteige fahren. „Zekiwa“ war das erste deutsche Wort, das ich lesen konnte. Damals wusste ich allerdings nicht, was es heißt: Zeitzer Kinderwagenfabrik.

Kein WLAN ohne Martin Luther

Jetzt ist die Fabrik eine einzige Ruine. Die verlassenen Gebäude um den Bahnhof herum werden teils als Flüchtlingsheime teils als Filmkulisse benutzt, um historische Dokumentationen zu drehen, „Unsere Väter, unsere Mütter“ und Filme über das frühere sozialistische Leben in der DDR. Menschenleer und düster wirkte die Stadt zunächst, nur bei der Luther-Bibliothek standen Menschen unter einer Laterne. Touristen? Aber nein, es waren Flüchtlinge. Auch schön, überlegte ich, sie haben alle Deutsch gelernt und wollen Bücher ausleihen, vielleicht wollten sie sogar ein Stückchen von der lutherischen Lehre erhaschen. In unserer geistlosen Zeit muss der Hunger nach solch einer Lehre besonders stark sein.

Aber ich irrte mich. Die Menschen wollten nicht Luthers Lehre, sie wollten das kostenlose WLAN benutzen. Jemand hatte das Passwort geknackt, das Passwort war „Martin“ – sehr intelligent. Und wenn man das Telefon ganz nahe an die Wand presste, hatte man Empfang. Trotzdem sah ich darin ein Wunder. Wenn nicht direkt durch seine Worte, so konnte doch durchs WLAN Luthers Funke die Seelen der Menschen erwärmen, sie zusammenbringen und ihnen helfen, gemeinsam die schweren Zeiten zu überstehen. Das Passwort „Martin“ funktioniert also doch noch, dachte ich und fuhr weiter mit meinem ŠKODA SUPERB nach Erfurt.

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